Gruß aus der Zukunft

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Heute schreibe ich aus der Zukunft. Wir haben heute den 1. Oktober 2020 und ich sitze im Garten in der schönen Abendsonne. Ich schaue auf meine immer noch blühende Bienenhecke und beiße beherzt in einen Apfel, den ich gerade frisch gepflückt habe. Verrückt wie dieses Jahr 2020 gelaufen ist, wer hätte das gedacht.

Ich erinnere mich noch gut an den Silvesterabend 2019: wir haben mit meiner Familie und mit allen Nachbarn aus der Nikolausstraße im Heimatdorf meiner Eltern rund um einen Feuerkorb gestanden, Stockbrot übers Feuer gehalten und uns auf das neue Jahr gefreut. Im Januar kamen dann die ersten Meldungen aus China über Corona und man witzelte bei jedem, der hustete „Na, haste Corona?“ Doch dann ging alles ganz schnell, es wurden Schulen geschlossen, man durfte sich nicht mehr treffen, immer mehr Corona-Erkrankte wurden in den Krankenhäusern aufgenommen, Menschen starben.

Verrückte Zeit. Einerseits machte ich mir natürlich große Sorgen, würde unser Gesundheitssystem tatsächlich wie in Italien zusammen brechen? Was passiert mit all den Menschen, die plötzlich in Kurzarbeit gehen müssen oder gar ihre Jobs verlieren? Was ist mit all den alten Menschen, die nun einsam und verängstigt in ihren Wohnungen sitzen? Was, wenn vielleicht meine Eltern an Corona erkranken sollten? Andererseits war es so, dass diese besondere Zeit für mich persönlich auch sehr viel Gutes hatte. Obwohl wir uns physisch voneinander entfernen mussten, so rückten wir doch emotional immer näher zusammen. Plötzlich hatten wir uns zu Videokonferenzen mit Freunden verabredet mit denen ich mich schon ewig nicht mehr getroffen hatte. Mit meiner Familie telefonierte ich fast täglich. Und ich war viel draußen in unserem Garten. Auf der Arbeit wurden Dinge möglich von denen ich nicht zu träumen gewagt hatte. Es gab fast mehr zu tun als vorher. Das Team welches ich begleitete, kam mir vorher manchmal etwas träge und wenig innovativ vor und plötzlich sprühten die vor Energie und leisteten eine beeindruckende Arbeit. Es war einfach nur ansteckend mit welchem Elan diese Truppe plötzlich arbeitete und es steckte alle an. Auch andere Personen in meinem Umfeld, erwachten wie aus einem Dornröschenschlaf, alle wollten plötzlich was gemeinsam bewegen. Das Ziel, diese Krise durchzustehen, einte nicht nur uns, es erwachte ein gemeinsamer Geist, gefühlt in ganz Deutschland.

Jetzt heute, hier im Oktober stelle ich fest. Diese Krise brachte zwar viel Leid, hat aber auch was ganz wunderbares geschaffen. Diese Utopie von „New Work“ von der ich immer geträumt habe, ist wahr geworden und hat Einfluss auf unser aller Leben genommen.

Die New-Work-Bewegung existiert im Grunde genommen schon seit 40 Jahren. Der Philosoph Frithjof Bergmann, aus Sachsen stammend, aber in USA lebend, stellte die Frage, wie Arbeit eigentlich sein soll und wie groß der Anteil von Arbeit in unserem Leben sein soll, im Kontext der Automatisierung und Rationalisierung der Automobilindustrie. Seit die Digitalisierung auf der Welt voran schreitete, kam die Frage immer wieder auf. Die Vision die Frithjof Bergmann hat, ist diese: „Nicht wir sollten der Arbeit dienen, sondern die Arbeit sollte uns dienen. Die Arbeit, die wir leisten, sollte nicht all unsere Kräfte aufzehren und uns erschöpfen. Sie sollte uns stattdessen mehr Kraft und Energie verleihen, sie sollte uns bei unserer Entwicklung unterstützen, lebendigere, vollständigere, stärkere Menschen zu werden“. (Bergmann, 2017).

Diese Utopie ist in den letzten Monaten tatsächlich wahr geworden. Alle arbeiteten gemeinsam an einem besseren Leben, gegen den Virus aber vor allem für eine schöne Welt. Arbeit wurde tatsächlich als notwendig für ein größeres Ziel gesehen. Es gab uns Energie an etwas Großem mitzuwirken, nämlich, dass Deutschland die Krise meistert und wir füreinander da sind. Der letzte Teil des Satzes von Frithjof Bergmann ist wirklich wahr geworden, diese Krise hat uns zu lebendigeren, vollständigeren und vor allem stärkeren Menschen gemacht. Alle gemeinsam.

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